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Lea Grundig – Graphische Künstlerin, rufende Stimme

 

Tel-Aviv, 11.09.2014, Abed Abdi

Sehr geehrte Gäste, sehr geehrte Frau Angelika Timm, Leiterin des Tel-Aviver Büros der Stiftung, sehr geehrte Teilnehmer des Symposiums zum Gedächtnis und Wirken der Künstlerin Frau Professor Lea Grundig (Haifa, Tel Aviv 1940-1948) – die während meiner Studienzeit in den Jahren 1964–1971 in Dresden an der Akademie der Bildenden Künste meine Lehrerin war.

Ich bin der Bitte Frau Angelika Timms nachgekommen, auf diesem Symposium, welches von der Stiftung hier in Tel-Aviv mit viel Mühe ausgerichtet wurde, zu sprechen und ich weiß das sehr zu schätzen. Ich bin froh, dass eine Tagung wie diese einen – wenn auch kleinen – Kreis im Leben meiner Lehrerin Lea schließt, die 1940 in das Britische Mandat Palästina kam und dort zeitweilige Zuflucht vor der Verfolgung durch die Kräfte der Finsternis1 in ihrem Heimatland fand. Genauso wie sie wurden auch Bertholt Brecht (1898–1956), Arnold Zweig (1887–1968) und andere verfolgt und ins Exil gedrängt, wo sie ihren Widerstand gegen das Nazi-Regime, das ihre Heimat Deutschland und die Länder der Welt verwüstete, fortsetzten.

 

Obwohl sie nach ihrer Ankunft in Palästina in das Flüchtlingslager Atlit gesperrt und erst ein Jahr später von dort freigelassen wurde, fand sie auch hier in unserem blutenden Lande, den Raum und die Zeit, ihren Protest und ihren Schrei nach Befreiung des Menschen, für Gerechtigkeit und Frieden auszudrücken. Trotz ihres langen Aufenthaltes in Palästina (eine Sache, die mir nicht bekannt war), ihrer Integration in das Leben des Landes und seiner Einwohner, zog sie es vor, 1948 in ihre Heimat und zu ihrem Mann, Hans Grundig, zurückzukehren, welcher ebenfalls sehr unter der nazistischen Verfolgung gelitten hatte.

Leas Inspiration auf mich und meinen Lebensweg, der ich als Junge Flucht erfahren habe

Als jemand, der die „Nakba“2 erlebt hat und 1948 in die Flucht getrieben wurde, inspirierte mich Lea sehr stark. Ich war als Kind mit meiner Familie in Flüchtlingslagern im Libanon und in Syrien. Mein Vater blieb in Haifa und ich kehrte mit meiner Mutter, meinen Schwestern und meinem Bruder im Rahmen der Familienvereinigung im Jahre 1951 nach Israel, in die Stadt Haifa zurück. Von klein auf brachte mich die Flüchtlingserfahrung dazu, mich selbst in der Kunst zu suchen.

Meine Teilnahme am Zeichenunterricht bei Künstlern, die vor 1933 in Deutschland gelebt hatten, übte einen starken Einfluss auf mich aus. Mein Zeichenlehrer, Abraham Yaskil (1894–1987), der aus Polen stammte, studierte und arbeitete als Künstler in Dresden und Leipzig, bevor er nach Palästina emigrierte. Wie er stammte auch mein zweiter Lehrer, Zvi Meirovich (1911–1974), aus Polen und hatte in Deutschland an der Akademie der Künste in Berlin studiert. Beide waren linke Aktivisten und bekannte Künstler, die in Israel einen Namen hatten. Durch diese Lehrer nahm ich zum ersten Mal die Werke von Lea Grundig, Käthe Kollwitz, Otto Dix, Albrecht Dürer und anderer deutscher Maler wahr.

Meine erste Ausstellung hatte ich 1962 im Kulturklub der Kommunistischen Partei in der Brenner-Strasse in Tel-Aviv. Auf der Eröffnung waren Reuven Rubin (1893–1974), Nachum Gutman (1898–1980), Ruth Schloss (geb. 1922) und der Haifaer Künstler Yehoshua Grossbard (1902–1992) anwesend. Letzterer ermunterte mich, Kunst in Ostdeutschland, in der DDR, zu studieren. So begann ich meinen Werdegang und kam mit Hilfe der Partei nach Dresden, um Kunst zu studieren bei … Lea Grundig!!

Vorbereitungen auf die Reise

Menschen, die während Lea Grundigs Palästina-Aufenthaltes ihre Freunde waren – ich erinnere mich an Dr. Wolf Ehrlich ( .. ) und an den Gelehrten Mordechai Avi-Shaul (1898–1988) – , schlugen vor, dass ich nach Dresden fahre, um bei der Künstlerin Lea Grundig zu studieren. Es muss angemerkt werden, dass sie sich in ihrer Palästina-Zeit intellektuellen Kreisen angeschlossen hatte und dass unter ihnen Mitglieder der Palästinensischen Kommunistischen Partei (PKP) waren, aber auch Führer des hebräischen „Jischuws“3 und hier erinnere ich mich besonders an den zweiten Präsidenten des Staates, Zalman Shazar (1889–1974).

Vor 50 Jahren, am 21. November 1964, kam ich über Griechenland und Bulgarien nach Ostdeutschland. Von Sofia flog ich nach Berlin und von dort fuhr ich mit der Eisenbahn nach Leipzig, wo ich 9 Monate lang die deutsche Sprache erlernte und auf mein Studium an der Universität vorbereitet wurde.

Während meines Aufenthaltes in Leipzig lernte ich meine spätere Lehrerin kennen, die über meine Ankunft in Deutschland unterrichtet wurde, als ich schon in Deutschland war. Es hat sich herausgestellt, dass Dr. Grit Schorch, eine Forscherin der jüdischen Verfolgung, die mit mir auf diesem Symposium sitzt, den Briefwechsel zwischen meiner Mentorin Lea und Avi-Shaul gefunden hat, und dort einen Brief, der meine Ankunft in Dresden am 3. Dezember 1965 betrifft. Ein Jahr später schreibt Lea in dem Brief über meine Ankunft in Dresden folgendes, ich zitiere:

“Abed ist nun bei mir. Er ist einer sehr lieber Kerl und recht begabt, er ist sogar sehr begabt, und ich habe viel Freude an ihm.”4

Und weiter im Briefwechsel mit Avi-Shaul schreibt Lea, dass sie sehr beschäftigt ist mit ihrer künstlerischen Arbeit und sehr eingebunden in gesellschaftliche Angelegenheiten und Ausstellungs-Reisen, aber auch, dass sie über die Situation in Israel und die Spaltung der israelischen kommunistischen Partei unterrichtet ist und dass sie mit der jüdisch-arabischen Seite der Partei unter der Leitung von Meir Vilner (1918–2003) und Tawfik Toubi (1922–2011) sympathisiert..!

Ein Student außerhalb des Curriculums

Nachdem ich an der Akademie angenommen war, wurde mir bekannt gegeben, dass ich nicht im Rahmen des Curriculums studieren würde, sondern bei Frau Professor Langer-Grundig (Langer: ihr Mädchenname; Grundig: der Familienname ihres berühmten Mannes Hans Grundig, der Ende der 50er Jahre starb). Mein erstes Treffen mit ihr in ihrem riesigen Atelier des Akademiegebäudes auf den Brühlschen Terassen mit Blick auf die Elbe, beeindruckte mich sehr. Eine Frau von kleiner Statur, dunklem Hautton, schwarzem, straffem Haar und dunklen großen Augen. Im Grunde genommen erinnerte mich ihr Typ an eine spanische Flamenco-Tänzerin. Eine warmherzige Frau, deren Augen keinen Augenblick ruhten, Augen die sprachen, bevor ihre Lippen sich öffneten…: “Du, Abed, bekommst ein Atelier neben dem meinen, bis Du den Beschluss über Deinen Studentenstatus bekommen hast”, sagte sie in klarem Ton, der jedoch von großer Sanftheit durchdrungen war – ein Gegensatz, der die hochdeutsche Sprache im allgemeinen kennzeichnet.

Und so ging die Planung tatsächlich auf, zusammen mit 20 weiteren Studenten und Studentinnen belegte ich einen regulären Studiengang vom Anfang bis zum Ende (Diplomstudiengang). Und in derselben Zeit erhielt ich für zwei Jahre mein persönliches Atelier und war unter der Obhut der Genossin Lea Langer-Grundig. Diese individuelle Organisation meines Studiums ermöglichte mir ganz in der Nähe meiner Lehrerin zu sein, die an einem Zyklus von Radierungen gegen die erneute militärische Aufrüstung in Westdeutschland und für die Erhaltung der “Oder-Neiße-Grenze” zu Polen arbeitete, während ich mit Zeichnen und dem Erlernen der Technik von Holzschnitten und Radierungen unter ihrer und der Anleitung hervorragender Graphiker beschäftigt war, unter ihnen der bekannte Dozent und Künstler, Professor Gerhard Kettner (1928–1993), der seit dessen Aufenthalt in Dresden im Jahre 1957 mit dem Haifaer Künstler, Gershon Knispel (geb. 1932),5 befreundet war; außerdem hervorragende Dozenten wie der bekannte Maler Günter Horlbeck (geb. 1927) und der Aquarellzeichner Gerhard Stengel (1915–2001).

Die Treffen mit Lea waren besonders, ihre entschlossene Haltung und ihr Interesse an dem, was bei uns “Da unten” passiert, an dem anhaltenden Konflikt und der Gefahr des Ermüdungskrieges6, dem Kalten Krieg zwischen Osten und Westen und das Thema der deutsch-deutschen Mauer (“Berliner Mauer”) – all das waren Themen, die wir diskutierten, neben der wohlmeinenden, bewundernden und anerkennenden Kritik meiner Arbeiten, welche ich von ihr erhielt…

Der Sechstagekrieg

In den Tagen des verfluchten Krieges, der am 6. Juni 1967 begann, war ich sehr besorgt, und so auch sie, ohne das groß kundzutun, denn auch sie hatte Familienangehörige in Israel. Mit der arabischen Niederlage der „Naksa“7 im Zuge derer tausende ägyptischer, syrischer und jordanischer Soldaten starben, vertrieb man auch eine große Anzahl von palästinensischen Flüchtlingen nach Jordanien und in alle Richtungen. In der Folge dieser Niederlage schrieb Emil Habibi (1922–1996) die Novelle “Der Peptimist”8, und so beschäftigte auch ich mich in Radierungen, Holzschnitten und Lithographien mit den Folgen des Krieges. Die Lage machte auch Lea zu schaffen und sie bat mich um Informationen zur tragischen Lage der Flüchtlinge und Soldaten, die in Gefangenschaft geraten waren. Das Schicksal dieser Menschen erinnerte sie an Geschehnisse, die ihr selbst widerfahren waren… Fluchterfahrung, Verfolgung und Mord von vielen Juden und Nicht-Juden, kommunistischen Parteimitgliedern, die ihre Verbündeten waren, unter ihnen Ernst Thälmann.

Bei einem unserer Treffen in ihrem Wohnhaus am Rande der Stadt, an welchem ihre besten Freunde teilnahmen, unter ihnen der Architekt Rudolf Hamburger (1903–1980), ich selbst und andere, bat sie mich bei der Suche nach einem vermissten Syrer zu helfen, mit dessen Eltern sie in Kontakt stand, herauszufinden, welches Schicksal ihn ereilt hatte… Ob es möglich wäre, beim “Roten Kreuz” über ihn etwas zu erfahren? Auch interessierte sie sich sehr dafür, was Meir Vilner widerfahren war, der ein Attentat überlebte, das ein rechter Israeli an ihm verübt hatte?!! Und wie es möglich ist, dem sozialistischen Staat Nord-Vietnam im Kampf gegen die militärische Invasion der Amerikaner zu helfen, die Vietnams Felder und Städte zerbombten?!

Ich wurde von der Forscherin Grit Schorch gefragt, ob es ein Dokument gibt, das Lea Grundigs Einstellung in der Sache der israelischen Aggression, der militärischen Kontrolle und Okkupation im Sechstagekrieg belegt…9

Daraufhin erinnerte ich mich an eine Veranstaltung, in die Lea involviert war. Als unter der Leitung der Akademie der Künste eine Tagung initiiert wurde, um Sympathie mit den arabischen Völkern, gegen die Okkupation und für den Frieden, auszudrücken, bat mich Lea nicht nur um meine Teilnahme sondern auch als “Originalquelle” vor dem Auditorium zu sprechen, welches aus dem Lehrkörper und den Studenten bestand. Damals war mein Deutsch fließend. Auf der Tagung sprach Lea für den Frieden und gegen die Okkupation… Ein symbolisches Zeichen, das auch heute gehört werden sollte, im derzeitigen Zustand der Schmach.

Der jüdische Hintergrund von Lea – sie war die Tochter einer jüdisch-orthodoxen Familie – ist in ihrer Autobiographie “Gesichte und Geschichte” erwähnt, aber ihre Bindungen an die jüdische Gemeinde in Dresden waren verhältnismäßig lose, was ich auf Grund der Kritik weiß, die ich aus dem Munde einiger Gemeindemitglieder gehört habe, unter ihnen der Palästina-Remigrant Helmut Eschwege (1913–1922).

An den Hauskreisen, die regelmäßig bei ihr stattfanden, und die ich in guter Erinnerung behalten habe, waren immer einige Intellektuelle anwesend. Außer ihrer Nachbarin, der Kinderbuchautorin Auguste Lazar (1887– 1970), erinnere ich mich vor allem an Max Zimmering (1909 –1973). Beide waren ebenfalls jüdischer Herkunft und hatten die Jahre des Exils im Ausland überlebt. Dass Max Zimmering in den 30er Jahren zwei Jahre in Palästina gelebt hatte, wusste ich damals nicht.

In ihrem Haus gab es zwei Etagen und das Haus befand sich in einiger Entfernung vom Stadtzentrum. In dem Gästezimmer, das sich in der zweiten Etage befand, hing eine feinlinige Radierung – Leas Gesicht mit den großen Augen verwoben mit dem Gesicht ihres verstorbenen Mannes Hans, Hans mit geschlossenen Augen. Das feingeschnittene Gedenkporträt von Hans Grundig erinnerte mich mit dem langen Haar an das Gesicht des ungarischen Komponisten, Franz List.

Lea behauptete vor Gästen immer, dass sie nicht gut im Kochen ist und bat mich meistens in die Küchenkammer zu gehen und von dort Wurst- und Sardinen-Konserven zu holen, die sie von ihren letzten Reisen mitgebracht hatte.

Auf dem Tisch stand eine Schüssel aus Kupfer mit arabischen Kalligraphien und in ihnen Äpfel und Nüsse, die sie immer gerne aß. Normalerweise bewirtete sie uns mit Brandy, den sie von ihren Reisen nach Georgien oder Russland mitgebracht hatte, natürlich gab es dazu Kaviar und Heringe aus der Ostsee.

Kinder!”, so begann sie immer ihre Rede… also, wie geht es uns heute? Wie erfolgreich verwirklicht die SED gemeinsam mit den Massen ihr Ziel der Errichtung einer gerechteren Gesellschaft?! Und was gibt es Neues betreffs der Vertiefung der sozialistischen Werte in unserem Lande..?! Was ist mit den Beziehungen zum Westen? Natürlich führten die meisten dieser Treffen zu Grundsatzdiskussionen. Lea war sehr kritisch gegenüber nicht gerechtfertigten Prozeduren seitens der Partei und besonders gegenüber dem SED-Parteisekretariat in Dresden.

Obwohl Lea ein staatliches Dienst-Auto mit Fahrer zur Verfügung stand, passierte es einmal, dass sie mit mir, ohne vorher ein Ticket zu kaufen, Straßenbahn fuhr. “Ich fahre mit Dir schwarz… Ich hoffe, dass sie uns nicht erwischen..” Das war meine Lehrerin und Freundin Lea – ein bisschen spontan und übermütig.

Ein Kreis schließt sich

Ich schreibe diese Zeilen in dem neuen Haus meiner beiden Söhne im ungarischen Dorf Csókakö. Fast zwei Monate halte ich mich schon hier mit meinen Söhnen und meiner Frau Judith, die ungarische Staatsbürgerin ist.., auf. Und hier im Atelier, das auf Hügel blickt, Berge und grüne Felder, erinnere ich mich an ein Treffen, dass ich mit Lea und meiner zukünftigen Frau in Leas Haus hatte. Auf dem Treffen brachte ich ihr gegenüber meine Sorge zum Ausdruck, dass die ungarische Botschaft in Berlin mir nicht auf meine Bitte antwortet, ein Visum für einen Besuch in Ungarn auszustellen, denn ich wollte endlich Judiths Familie kennen lernen. Und tatsächlich half mir Lea in eigener Initiative und verfasste einen Empfehlungsbrief an den ungarischen Innenminister.10 Ich bin mir nicht sicher, ob der Brief geholfen hat, aber er hat mich sehr unterstützt.

Am Ende meiner Studienzeit wurden die Begegnungen mit ihr weniger, weil ich mich auf den Diplomabschluss bei Prof. Gerhard Bondzin (1930–2014) vorbereitete, mit dem ich die Ehre hatte, im Stadtzentrum von Dresden den neuen Kulturpalast zu gestalten. Das Künstlerteam, dem ich angehörte, erhielt dafür im Namen des DDR-Kulturministeriums im Jahre 1969 einen Geldpreis.

Am Ende des Jahres 1971 und nach großen Bemühungen wurde meiner Bitte um Einreise nach Ungarn positiv entsprochen und dort konnte ich dann endlich heiraten. Zwei Monate vor meiner Reise schloss ich mein Studium ab. Die letzte Begegnung mit Lea in ihrem Haus in Anwesenheit einiger ihrer Freunde ist mir gut in Erinnerung geblieben. Dort trennten wir uns nicht, bevor ich von ihr einen Radier-Zyklus geschenkt bekam und auch Graphiken von Dozenten sowie Absolventen meines Jahrgangs. Es muss angemerkt werden, dass mich Lea während meiner Studienzeit bat, ein Porträt mit Tusche und Wasserfarbe von mir zeichnen zu dürfen. Die Zeichnung erschien in einigen Katalogen und befindet sich in der Sammlung der Akademie der Künste in Dresden.

Nachdem ich 1971 nach Israel zurückgekehrt war, waren wir nur noch sporadisch per Briefen in Kontakt. Im Jahre 1976 stellte ich die Sammlung von Radierungen und Zeichnungen, die ich aus Deutschland mitgebrachte hatte, in Nazareth zu Ehren Lea Grundigs und meiner Lehrer aus. Der Titel der von mir ausgerichteten Ausstellung lautete “Hommage an die Graphikkünstler der DDR”. Ein Jahr später erfuhr ich von dem Ableben meiner Lehrerin Lea. Das war im Jahre 1976.

Durch ihre und die Inspiration anderer deutscher und nicht-deutscher Künstler setze ich mein künstlerisches Schaffen für den Frieden und gegen Unrecht fort, vor allem gegen die Okkupation und gegen die Unterdrückung überall und zu jeder Zeit.

Es soll ihrer gedacht werden.

Übersetzung aus dem Hebräischen ins Deutsche: Grit Schorch (Universität Tel-Aviv)

1 „Verfolgung durch die Kräfte der Finsternis“ meint die nationalsozialistische Barbarei.

2 Als „Nakba“ (arabisch: Katastrophe) wird die Vertreibung von mehr als 700,000 Palästinensern aus ihren Häusern und ihrem Land während des Unabhängigkeitskrieges 1948 bezeichnet.

3 Als „Jischuw“ (hebräisch: Besiedlung) wird die jüdische Ansiedlung in Palästina vor der Gründung des Staates Israel im Jahre 1948 bezeichnet. Der Begriff ist Teil der seit Anfang des 20. Jahrhunderts neugeschaffenen zionistisch-kolonialistischen Terminologie, deren Kreierung mit der Wiederbelebung des Hebräischen als gesprochener, Literatur- und Alltagssprache einherging. Damit verbunden war die Intention, eine neue, unabhängige, nationale Heimstatt für die Juden zu schaffen, deren nationalistische, kolonialistische, expansionistische und aggressive Konnotation aus der palästinensischen Perspektive deutlich sichtbar wird, da die Terminologie nicht nur die Sprache, sondern auch die Lebenswirklichkeiten der arabischen Bevölkerung Palästinas und Israels auf verheerende Weise geprägt hat und das bis heute tut. Vgl. hierzu Nur Masalha: Creating a Zionist Language. In: Ders.: The Palestine Nakba. Decolonising History, Narrating the Subaltern, Reclaiming Memory. London/N.Y.: Zed Books, 2012, 23–33. Allgemein zum Zusammenhang von „Sprache und Nation“ vgl. Grit Schorch: Moses Mendelssohns Sprachpolitik. Berlin/Boston: De Gruyter, 2012, 27–44.

4 Brief von Lea Grundig an Mordechai Avi-Shaul vom 3. Dezember 1965, in: Akademie der Künste, Grundig-Archiv: 616.

5 Abed Abdi und Gershon Knispel sind seit Anfang der 70er Jahre miteinander befreundet. Sie haben gemeinsam das Denkmal von Sakhnin geschaffen. Am „Tag des Bodens“, dem 30. März 1976, hatten in Sakhnin tausende arabische und jüdische Bürger gegen die andauernden Enteignungen arabischen Landbesitzes demonstriert. Die israelische Armee ging mit Gewalt gegen die Demonstranten vor. Sechs Araber wurden getötet und es kam zu vielen Verhaftungen. Das Mahnmal erinnert an die Tragödie von Sakhnin und möchte gleichzeitig die Möglichkeit der friedlichen Koexistenz zweier Völker symbolisieren. Diese Kooperation zwischen einem palästinensischen und einem jüdischen Künstler ist bis heute einzigartig geblieben.

6 Als Ermüdungs- oder Abnutzungskrieg wird der Krieg zwischen Ägypten und Israel von 1967 bis 1970 bezeichnet, der von Ägypten begonnen wurde, um den Sinai, den Israel im Sechstagekrieg okkupiert hatte, zurückzuerobern. Der Krieg endete mit einem 1970 geschlossenen Waffenstillstand ohne Rückgabe der besetzten Gebiete.

7 Als „Naksa“ (arabisch: Tag des Rückschlags, Tag der Niederlage) wird der Ausbruch des 6-Tage-Krieges bezeichnet. Die palästinensische Bevölkerung gedenkt jedes Jahr am 5. Juni, dem Naksa-Gedenktag der Eroberung des Westjordanlandes, des Gazastreifens, Ost-Jerusalems und der Golanhöhen durch Israel vom 5. Juni bis 10. Juni 1967.

8 Deutsche Übersetzung von Ibrahim Abu Hashhash: Der Peptimist oder von den seltsamen Vorfällen um das Verschwinden Saids des Glücklosen. Basel: Lenos, 1995.

9 Lea Grundig, die den Sechstagekrieg und die israelische Besetzung des Westjordanlandes scharf verurteilte, gehörte zu den zehn Unterzeichnenden der „Erklärung jüdischer Bürger der DDR“, welche sich gegen den Sechstagekrieg als imperialistischen Eroberungskrieg wandte und am 11. Juni 1967 im Neuen Deutschland, dem Zentralorgan der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, veröffentlicht wurde. Der Palästina-Remigrant Kurt Goldstein gehörte ebenfalls zu den Unterzeichnern, während andere Palästina-Remigranten wie Arnold Zweig, Stephan Hermlin und Heinz Kamnitzer die Unterschrift verweigerten.

10 Brief von Lea Grundig an den ungarischen Innenminister vom 24. April 1971, in: Akademie der Künste, Grundig Archiv: 323.

 

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